Life begins at the end of your comfort zone. Winterklettersteig St. Anton

NinaEinblickeSchreibe einen Kommentar

Okay, ich verrate euch eins meiner nicht so geheimen Geheimnisse: Ich habe Höhenangst. Eine Sache, die mich schon so manches Mal auf dem Berg in Bedrängnis gebracht hat, oder besser gesagt, die mich adhoc in den unkontrollierten Panik-Modus versetzt. Jetzt fragt man sich, warum macht sie dann ausgerechnet Bergsport? Und genau da ist die Krux: Ich liebe Skifahren einfach zu sehr, um es sein zu lassen. Es darf von mir aus auch mal steil und eng sein. Solange ich Ski anhabe, ist alles gut. Ohne Felle wohlgemerkt, denn eine offene Bindung und stoppendes Fell im steilen Gelände holt mich auch ganz schnell raus aus der Komfortzone. Das schlimmste ist aber, wenn ich womöglich die Ski schultern und über einen Grat laufen muss. Dann wird es mir abwechselnd heiß und kalt bis in die Fußspitzen, alles beginnt sich zu drehen und das Kopfkino startet feinste Blockbuster Action. Innerhalb von Sekunden erschließen sich mir dutzende Möglichkeiten, wie ich welchen Hang hinabstürzen könnte. In solchen Momenten muss ich all meinen Mut zusammennehmen, damit ich weiterlaufe.

Keine Ahnung wie viele Skitouren ich knapp unterhalb von Gipfeln beendet habe, oft unter Kopfschütteln meiner Gruppe. Ich war quasi eine Armlänge (Hallo Köln) entfernt von den Gipfeln des Kaltenbergs, der östlichen Eisentaler-, der Dreiländerspitze, des Piz Buin… Gipfelkreuze sind wohl einfach nicht mein Ding. 😉 Manchmal kann ich aber doch meinen Kopf austricksen: mit Gurt und Seil. Mir wird zwar immer noch schwindelig, aber die Blockbuster Action ist abgeschaltet. Schließlich bin ich gesichert und kann nicht abstürzen. Ätschibätsch doofes Gehirn.

Ein hervorragender Ort genau das in sicherer Umgebung zu trainieren, ist der Klettersteig am Rendl in St. Anton. Ein Winterklettersteig um genau zu sein. Dirk ist ihn zuerst einmal ohne mich gegangen und war danach der Meinung, ich könnte das. Gesagt, getan sind wir letzten April zur Tat geschritten und siehe da, ich habe es geschafft. Allerdings habe ich locker 2 Stunden länger gebraucht als angegeben. Zwischendurch wollte ich ehrlich gesagt mehrfach abbrechen und eine der Stellen nutzen, die einem eine Abfahrt ermöglichen. Doch der Sinn der Übung war ja eben, sich den Ängsten zu stellen. Also hieß es Zähne zusammenbeißen und durchhalten. Umso besser fürs Ego, als ich es dann geschafft hatte. Yippieh. 10 Monate später war es dann wieder soweit und beim 2. Mal lief es auch schon besser. Und schneller. Wobei der Rest meiner Gruppe immer noch auf mich warten musste (Hallo Hamburg).

Was gibt es zum Klettersteig zu sagen? Wenn man nicht wie ich mit seinen Dämonen beschäftigt ist, hat man die ganze Zeit einen wunderbaren Ausblick auf die Gipfel des Verwall und der Lechtaler Alpen. Das alleine lohnt den Weg. Der Einstieg ist auf 2.645 m gleich hinter der Bergstation der Riffelbahn II im Rendl Skigebiet. Man klettert die 850 m Gesamtlänge am Grat entlang. Erst hoch zur Vorderen Rendlspitze (2.816 m) und dann wieder ein klein wenig runter zur Roßfallscharte auf 2.732 m. Das Ganze ist mit normaler Kondition üblicherweise in 2 bis 2,5 Stunden zu schaffen. Am Ende muss man sich dann für eine Abfahrt entscheiden: Entweder nach Osten (NO) ins schöne, langezogene Malfontal bis nach Pettneu (Skibus nach St. Anton ab Haltestelle Wellnesspark) oder nach Westen (SW) ins Moostal und über die Rendl Talabfahrt zurück nach St. Anton (fährt man ganz runter bis zur Roßfallalpe, 1.810 m, kann man vom Forstweg aus einen kleinen Gegenhang zur Maassbahn hochlaufen). Letzteres ist bei Firn super. Beide Varianten sind technisch keine schwierigen Abfahrten. Nur etwas Ortskenntnis ist nicht zu verachten. Wenn man sich nicht auskennt und keine Ausrüstung hat, sollte man besser einen Guide vor Ort buchen.

Apropos Ausrüstung: Ich habe immer zusätzlich zum Klettersteigset und Gurt eine Bandschlinge mit Karabiner dabei, um wenn nötig das Klettersteigset zu verlängern. Dirk trägt Steigeisen, weil er eine Alpinsohle unter seinen Skischuhen hat. Ich komme mit meiner Tourensohle prima klar. Er hat auch einen Pickel dabei, den er mir netterweise ausleiht, falls ich ihn kurz und selten brauche. Da beide Abfahrten im freien Gelände verlaufen, braucht es natürlich die übliche Touren-Ausrüstung: Rucksack (mit Möglichkeit, Ski/Snowboards zu befestigen), Helm, LVS, Schaufel und Sonde. Ach so: Handschuhe nicht vergessen! Am besten nicht die allerfeinsten und neusten, Seil und Fels fordern ihren Tribut.

Wenn ihr jetzt also beim Klettern auf jemand trefft, die langsam und extrem konzentriert unterwegs ist, könnte ich das sein. Oder ein Leidensgenosse mit Höhenangst. Wir lassen euch aber gern vorbeiziehen. Und sind dankbar, wenn ihr ansonsten Abstand haltet und euch nicht an einer Schlüsselstelle im gleichen Seilabschnitt einhakt. Peace.

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